Die Menschen lieben die schönen Geschichten, die wir auch Mythen nennen. Es ist wie wenn man einen schönen Tagtraum oder einen Traum mit offenen Augen hätte. Es ist erfrischend, gibt Hoffnung in turbulenten Zeiten. Es kompensiert die Angst, die sie empfinden, die Sorge, die sie belastet, die Verachtung, mit der sie von anderen behandelt werden, die geweckten Ressentiments; außerdem bringt es sie zusammen: jede Geschichte reinventioniert die Gemeinschaft. Deshalb fällt es selbst den am wenigsten naiven, scharfsinnigsten und subtilsten von ihnen manchmal schwer, sich dem Tagtraum zu entziehen, besonders wenn sie einen guten Geschichtenerzähler haben. Oder, genauer gesagt, am Anfang senden sie Anker in die Realität, die sie für solide halten: sie glauben und glauben nicht; sie glauben nur ein wenig, vielleicht zu einem Viertel: „Ich weiß, dass es nicht möglich ist, aber vielleicht, vielleicht ein bisschen...“. Dann, allmählich, steigt der Prozentsatz auf die Hälfte, dann auf drei Viertel; die Anker brechen nacheinander; oh, wie angenehm ist das Gefühl der Befreiung, wie wenn ein Schiff sich darauf vorbereitet, in das weite und helle Meer zu segeln, befreit von allem, was es am dunklen Ufer festhielt! Und so beginnt der Mensch zu vergessen, dass er nur träumte, oder, sagen wir, dass er nur eine Hypothese hatte.
Hier kommt der Redner ins Spiel: es gibt Anklagen gegen diejenigen, die nur scheinbar nicht glauben, Vorwürfe, dass ihr Unglaube fehl am Platz ist, dass er das Scheitern heraufbeschwören könnte. Er erfindet Argumente, die auf Analogien und Modellen basieren. Warum sollte er es nicht tun? Die Vernunft, die zum Instrument des Apostels geworden ist, ist in der Lage, alles zu erfinden, um die Utopie zu unterstützen, die, sobald sie geglaubt wird, für den Gläubigen zur Realität wird. Außerdem sagt ein neues Mitglied der Crew, der Historiker, dass die Menschheit nicht ohne Mythen vorankommen konnte, und zeigt, dass im Laufe der vergangenen Epochen Träume und Utopien immer die Tat mobilisiert haben.
Jetzt ist der Moralist an der Reihe: er ruft seine eigene Bekehrung an, um den restlichen Skeptikern in uns zu überzeugen, dass wir verpflichtet sind, die Geschichten im Namen der Werte zu akzeptieren, die der große Mensch in ihrer Mitte verkörpert. Natürlich sind dies Metaphern für den Rat, die Konsequenzen "in Klammern zu setzen", während man einer angeblich reinen und strahlenden Ethik des Glaubens folgt. Schließlich ist es nicht mehr lange, und es tritt die Umkehrung ein: indem er das kritische Auge aus sich vertreibt, hält sich der Gläubige für realistisch, während sein Kritiker in Anführungszeichen gerät, um es so zu sagen: er ist "realistisch" geworden. Das Schiff – siehe da – ist in die Weite aufgebrochen. Hat es wenigstens authentische Anker, einen funktionierenden Kompass?
Leider nicht. Denn in solchen Fällen ist nicht der einfache Gläubige das einzige Hindernis, sondern die zentrale Figur, der "große Mensch". Dieser neigt dazu, sich von seiner eigenen Mythologie anstecken zu lassen, besonders da es um ihn herum genug gibt, die ihm dienen, und das Volk der Gläubigen verstärkt sie. Man sagt ihm, dass die Dinge unerwartet gut laufen, dass die Chancen seines Schiffes, den Ozean zu durchqueren, sprunghaft steigen. Man liefert ihm Argumente – jedoch unvollständig. Wenn er dennoch Zweifel hat, tritt sofort der Schmeichler auf, der ihm versichert, dass die unbequemen Informationen von den feindlichen, erschreckenden Gegnern stammen, dass die kritischen Bewertungen böswillige Verleumdungen sind. Allmählich kommt er dazu, nur noch an das zu glauben, was ihm der Höfling als günstig präsentiert. Schlimmer noch: die Absurdität mancher Informationen, die ihm aus verschiedenen Quellen als real präsentiert werden, überrascht ihn nicht mehr. Das Übel ist angerichtet, die Vergiftung hat ihren Höhepunkt erreicht, das kritische Auge ist völlig geschlossen. Früher prophezeite um jeden Messias ein Prophet. Jetzt nennt man sie Analysten und Soziologen. Aber der Austausch extatischer Visionen mit den letzten Zahlen des Experten, die der Geschichte angepasst sind, ändert nicht das Wesen der Unvernunft.
...Das Schiff ist jetzt auf dem offenen Meer; bald driftet es ab und manchmal sinkt es sogar – was zu erwarten war. Wer ist jedoch schuld? Ach, nicht der Mangel an guten Seeleuten, der schief gelegte Kiel oder der Mangel an Vorräten! Nein, schuld ist dieser abscheuliche "Realist" – versichert der Sophist jetzt allen Überlebenden – er hat die Crew entmutigt! Er hat die Ankunft weiterer Träumer an Bord verhindert. Er hat den Tagtraum der Gläubigen unterbrochen. Er hat ihn zerbrochen. Er hat die Geschichte zerstört. Er hat "die Augen offen" gehalten, als es nicht nötig war...
Und, um ehrlich zu sein, schlussfolgert der heilige Philosoph, war das Schiffsunglück in Wirklichkeit kein authentisches Versagen, sondern ein großes "moralisches Sieges"!
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