Bekanntlich formulierte Sigmund Freud gegen Ende seines Lebens in seinem Essay „Jenseits des Lustprinzips“ die Hypothese, dass die menschliche Psyche das Schlachtfeld zweier elementarerer Triebe sein könnte als des „Lustprinzips“, das er in seinen früheren Arbeiten für grundlegend gehalten hatte: die Rede ist vom „Lebenstrieb“ und vom „Todestrieb“ – Eros und Thanatos. Der erstere neige dazu, die Ausbreitung des Lebens und seine Organisation in immer komplexeren Formen zu fördern, der zweite hingegen suche das Leben in frühere Formen zurückzuführen, also in tote Materie. Hier liegt die letzte Erklärung des Sadismus, der Grausamkeit, der scheinbar ziellosen und grundlosen Gewalt – sowohl gegenüber den Mitmenschen als auch gegenüber Tieren: Das reine, sinnlose Vergnügen an der Zerstörung wäre der Ausdruck des „Todestriebs“ – Thanatos.
Diese Erklärung – an der Grenze zwischen Mythologie und Psychologie – kam mir in den Sinn, als ich die Entfesselung absurder und zerstörerischer Gewalt in den französischen Städten vor zwei Samstagen bemerkte. Wie soll man das Niederbrennen von Rathäusern oder Schulen, die Zerstörung von Geschäften, Plünderungen und andere Gewalttaten mit den „normalen“ – wirtschaftlichen, soziologischen, politischen, demografischen – Mitteln glaubwürdig und umfassend erklären? Ich weiß: Die radikale Linke macht immer wieder die unbefriedigenden Lebensbedingungen, den Rückgang des Lebensstandards, die hohen Mieten, die Marginalisierung bestimmter sozialer Gruppen usw. verantwortlich; die populistische Rechte prangert den Überschuss an Einwanderern an, vor allem aus Ländern Afrikas und Asiens. Alle haben teilweise recht, in größerem oder geringerem Maße, aber jenseits dieser partiellen Erklärungen und vieler anderer ähnlicher Art frage ich mich, ob hier nicht etwas Tieferes am Werk ist: Warum sollte man Schulen anzünden, wenn die Proteste gerade unter Schülern ausgebrochen sind, die mit der Anzahl und Ausstattung der Schulen unzufrieden sind? Warum sollte man Rathäuser verwüsten oder in Brand setzen? Die Bürgermeister entscheiden nicht über die nationale Wirtschaft. Warum sollte man sich mit den Gendarmen prügeln? Man wird sie nicht besiegen können, und es ist auch nicht zu glauben, dass die Forderungen einer gewalttätigen und anarchischen Masse Gehör finden werden. Eher wird man eine Gegenreaktion hervorrufen. Warum sollte man Geschäfte verwüsten, deren Angestellte einem nichts getan haben und deren Eigentümer Steuern zahlen, aus denen man seine Familienbeihilfen und Sozialleistungen erhält? Natürlich werden Sie sagen, dass die entfesselten Banden keine wirtschaftlichen Überlegungen anstellten, sondern, von Wut und Ressentiments getrieben, alles zerstörten, was ihnen in den Weg kam. Aber genau das besagt auch Freuds Theorie: Wenn sie von den „zivilisierten“ Zwängen befreit wird, können wir die gewaltsame, wütende Entfesselung einer Masse erleben, die ohne nachzudenken nur aus Lust an der Vernichtung alles zerstört. Es ist eine Form der Aggression, die nicht nur durch die Opfer und die materiellen und wirtschaftlichen Schäden erschreckt, sondern vor allem durch den nutzlosen, irrationalen und zum möglichen bescheidenen Gewinn unverhältnismäßigen Charakter der Gewalt. Bedeutet aber nicht gerade dieses Irrationale, dieser Unsinn Thanatos? Und apropos der jüngsten Verwüstungen in europäischen Städten: Es ist nur natürlich, dass die Rechte und die Linke (vor allem wenn sie sich deutlich von der Mitte entfernen) auf die meisten der oben angesprochenen gesellschaftspolitischen Probleme unterschiedliche, ja sogar gegensätzliche Antworten haben. Merkwürdig ist jedoch, dass ihre Interpretationen manchmal derart gegensätzlich sind, dass sie paradoxerweise in weniger vorhergesehenen Konsequenzen einander ähneln. So vertritt beispielsweise Professor Valentin Naumescu, präsidialer Berater, in einem Essay („Unter dem Ansturm des revolutionären Sozialismus. Die Auswirkungen auf die EU“) die Ansicht, dass die Ideologien der extremen Linken und der extremen Rechten, die das liberale Zentrum angreifen, nichts anderes als „revolutionärer Sozialismus“ seien. Dieser sei gegenwärtig entweder als Neomarxismus, Wokismus, Occupy, radikaler sozialistischer Ökologismus ... usw. oder als Neonazismus, suprematistische Bewegungen usw. „verkleidet“. Eine bloße Erscheinung wäre demnach beispielsweise die Unterscheidung zwischen Nazismus und Kommunismus oder zwischen Neomarxismus und Legionarismus. Ich bestreite keineswegs, dass es viele Ähnlichkeiten zwischen den Extremen sowie wechselseitige Einflüsse gibt, aber es erscheint mir keineswegs produktiv, die Unterschiede zwischen ihnen zu ignorieren, die sich im Laufe der Zeit in den Werten, den intellektuellen Genealogien, den Lösungen, dem Umgang mit der Wirtschaft, der Haltung gegenüber Ethnie, Rasse, Klasse usw. gezeigt haben.
Andererseits lese ich einen Text von Teodora Dumitru (Literaturkritikerin, Forscherin am Institut „G. Călinescu“) auf FB, in dem sie uns entschieden erklärt, dass es „in Rumänien keinen Kommunismus gegeben hat“ (und auch in den anderen Ländern des „sozialistischen Blocks“ nicht)! Was aber hat uns jahrzehntelang ins Joch gespannt? Nur „Staatskapitalismus“. (Eine alte linke Theorie übrigens, nichts Neues!)
Jemand erklärt uns also mit großer Sicherheit, dass es ideologisch gesehen nur den „revolutionären Sozialismus“ gebe und dass alles, was wir seit mehr als einem Jahrhundert auf der Welt gesehen haben, lediglich Spielarten ein und derselben Strömung seien und dass anders zu glauben bedeute, einer epistemischen Illusion zu erliegen. Jemand anderes will uns mit mindestens ebenso viel Selbstsicherheit „wie kleinen Kindern“ beibringen, dass es weder bei uns noch allgemein Sozialismus („revolutionären“ oder irgendeinen anderen) gebe und nie gegeben habe. Eine weitere epistemische Illusion! Der eine sagt: Es gibt nur Verkleidungen des Kapitalismus. Der andere sagt: Nein, die Verkleidungen gehören dem Sozialismus! Jedenfalls verschwinden die Unterscheidungen und Besonderheiten in beiden Fällen oder werden unbedeutend – was mir, abgesehen von der fragwürdigen Ernsthaftigkeit der Detailanalyse, methodologisch völlig brüchig erscheint.
Man möge mir verzeihen, aber es ist, als würde jemand behaupten, alle Hunde seien „verkleidete“ Katzen, während ein anderer behaupten würde, dass in Wahrheit und rechtens die Katzen lediglich Hunde in katzenartiger Tarnung seien! Wäre es nicht dennoch einfacher, die veraltete Binsenweisheit zu wiederholen, dass, weil Katzen und Hunde zwei verschiedene Arten sind (die selbstverständlich unter der gemeinsamen Gattung der Fleischfresser zusammengefasst werden), weder Bellen ein Miauen unter einer Tarnung noch umgekehrt ist?
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